Meister der Manipulation
Mit „Three Atmospheric Studies“ in Frankfurt am Main startet William Forsythe in die Selbstständigkeit
Man könnte über den Neuanfang des Ballett Frankfurt unter dem Namen Forsythe Company berichten, der eigentlich nur ein neues Kapitel der seit 1983 geschriebenen Erfolgsgeschichte aufschlägt und Mr. Forsythe erst einmal außer Acht lassen. Denn bei den „Three Atmospheric Studies“ im Bockenheimer Depot gab es fast so bemerkenswerte atmosphärische Spannungen off- wie on-stage. Auf der Bühne fand zumindest das stärkste Naturschauspiel statt: auf der hinter einer Tür wie eine Ikone im Sperrholzschrein gehüteten Abbildung eines quellenden Wolkengebirges.
Der Tänzer David Kern analysiert sie für uns, ein fahrig gestikulierender Wetterfrosch, als immateriell faktisches Beziehungsgeflecht in rund um den festgehaltenen Moment herum rasender Veränderung. Auch wenn sein Versuch, die Architektur feuchter Luft als Wenn-Dann und in „before“-, „while“- oder „after“-Relationen darzustellen, natürlich zum Scheitern verurteilt ist.
Auf der Tribüne, wo man ebenfalls über einige Kausalzusammenhänge die Übersicht verloren zu haben scheint, findet derweil Laienschauspiel statt. Die Lokalpolitiker, die Platz nehmen, machen gute Miene zum bösen Spiel. Dabei waren sie es, die Forsythe 2002 völlig unerwartet abgewickelt oder diesen dumpfen Akt von Sparwillkür zumindest abgenickt hatten. Nichtsdestotrotz rühmen sie sich nun des Zustandekommens einer Public Private Partnership, die der Stadt heute schenkt, was man ihr gestern weg strich. Ohne den Druck einer spontanen Bürgerwehr gäbe es diese natürlich nicht. Engagierte Frankfurter stellten damals einen „Verein der Freunde“ auf. Er ist heute Träger der als gemeinnützige GmbH organisierten Forsythe Company und muss ein Viertel des jährlichen Viermillionenetats erwirtschaften. Den Rest finanzieren die Städte Frankfurt am Main und Dresden sowie die Länder Hessen und Sachsen, die sich die Gastspiele und Premieren teilen.
Bis auf eines sind es bekannte Gesichter - nurmehr 18 von vorher 35 - die in „Three Atmospheric Studies“ vereinzelt auf die tiefe, lichtgraue Bühne driften wie Alicen im Wunderland. Traumverloren ziehen die schlingernden Gänge der Tänzer Bahnen in den Raum, zerlegen ihn in Segmente, spannen ihn zwischen sich auf, ziehen ihn wieder ein und nehmen ihn mit, wenn sie im Bühnenaus enden. Spielerisch, leicht und schwebend folgenlos wirkt dieses Necken und Nachahmen, Abstreichen, Anticken, Anschauen. Zwei Jungs staksen wie Störche um die Wette und um einander. Einem anderen entgleitet permanent die Partnerin. Forsythe setzt eine Vielzahl solcher Begegnungen, Rahmungen, Parallelsequenzen allein, zu zweit, zu dritt. Er tupft die Tänzer in ihren bunten Blusen und Hemden hin wie etwas zu konturierte Aquarellklekse.
Bald zieht der Zuschauerblick mit. Er verliert sich in Zwischenräumen mehr als in den taktilen Paartänzen und tanzt stattdessen selbst auf dem Netz aus Spannungsbögen. Hält eine Leuchtschrift auf der Rückwand, die kommt und geht und matt knappe Botschaften verstrahlt - „Resembling dawn“, „Der Morgenröte ähnlich“ oder „An explosion too distant to be heard“ - seine Aufmerksamkeit erst noch an der langen Leine, wird sie mit der Zeit auch nur zu einer von vielen Landmarken auf diesem freien Feld. Hier oszilliert das „Atmosphärische“, das sich nicht greifen, aber auch nicht übersehen lässt. Wie die neonklaren, dabei pastellindifferenten Stimmungen, die der Bildende Künstler Spencer Finch über die Szenerie legt. Seine Deckeninstallation aus vielfarbigen Lichtröhren, die zuerst, angelehnt an ein Gemälde William Turners, gebrochenes Tageslicht erzeugt, im Mittelteil das visuelle Spektrum nach Newton variiert und schließlich einen Wolkenhimmel, diesmal gemalt von Cranach, tonal abnimmt, bildet zu Forsythes physischem Intellekt das perfekte Pendant. Sie klärt völlig undramatisch den Raum bis in die letzte Ecke auf und überzieht ihn doch mit Aura. Sie verschattet durch Licht.
Was Forsythe und Finch einander auf Anhieb so nahe bringt, ist, wie sie den Begriff der Abstraktion im Konkreten auflösen. Finch begreift Licht und Farbe als Skulptur. Genauer gesagt materialisiert er absolute Farbwerte. Er hat das Blau des Mittagshimmels über Coney Island mit getönten Ballons reproduziert und in Miami wie impressionistische Farbpunkte in das dortige Himmelblau steigen lassen. Oder den exakten Ton des Schattenwurfes einer Wolke über dem Haus von Emily Dickinson in ein Gebilde aus zerknautschen Lichtfiltern übertragen. Auch die flächigen Lichträume im Bockenheimer Depot haben diese Eigenschaft: Sie sind Gegenstand und doch nicht gegenständlich. Sie sind real, wissenschaftlich exakt von ihren Realitäten abgelöst und doch, isoliert und verpflanzt, nur mehr fiktiv, eine leuchtende Hypothese. Forsythe ist seinerseits Meister in der Manipulation von Systemen bis zu dem Punkt, wo sie sich selbst zu fressen beginnen. Auf diese Weise hat er das Ballett mittels des Balletts überschritten. Wo die Struktur so komplex wird, dass sie Körper und Geist im Ausführen und Ansehen gleichermaßen bindet, wird die Frage nach Bedeutung zugleich aufgelöst und beantwortet. Ein solcher Tanz, ein solches Dickinsonwolkenschattenlichtblau frappieren, weil beide so absolut und willkürlich, so bedeutungstragend und referenzlos sind.
Studie um Studie, Schritt um Schritt werden Forsythe und Finch deutlicher, wie um ihre atmosphärischen „Tatsachen“ einer Zerreißprobe zu unterziehen. Sammeln sich die Tänzer im zweiten Bild mit und zwischen Klappstühlen und verdichten das choreografische Lineament zu einem geschlossenen Rastergebilde, überschlägt der dritte Akt nach einer Pause die Sache ins Dramatische. David Kern beginnt seine Wolkenauslegung und geht dazu über, statt ihrer die hektische Betriebsamkeit zu deuten, die unter den Mittänzern ausbricht. Körper krachen unsanft auf die Holzwände, gehen zu Boden. Plötzlich werden einstürzende Gebäude, versprengte Trümmer und Gliedmaßen geschildert, ein Katastrophenszenario. Dana Caspersen wirbt mit elektronisch verzerrter Männerstimme um Verständnis für die nötigen Ordnungsmaßnahmen: „Things fall apart Ma'am. Sometimes we just have to clean things up.“
Natürlich kann man diese Wendung wörtlich als politisches Statement eines gebürtigen New Yorkers verstehen, der dort erst kürzlich viel Zeit verbrachte, weil er die Forsythe Foundation als Archiv und Initiator internationaler Projekte aufbaut. Forsythe ist aber auch zuzutrauen, dass er „Three Atmospheric Studies“ mit mehr als einem Boden konstruiert hat. „My department has just constructed three atmospheric studies“, verkündet Caspersen, um ihre Ma'am zu trösten. Das ganze Stück als Beruhigungspille? Schönheit und Bedrohung, Genuss und Entmündigung liegen im Atmosphärischen näher bei einander als anderswo, davon vermittelt dieser simulierte Ernstfall unterm falschen echten Cranachhimmel eine letzte heftige Ahnung. Das Bedürfnis nach Auslegung, Ordnung, „clean ups“ war nur kurzzeitig betört an diesem Abend from dawn till dusk, diesem Abend in der Schwebe.