Enthüllungen

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Berlin 1 Jul 2001German

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Die Geschichte von Alice im Wunderland hat große Karriere als modernes Märchen gemacht. Die dichterischen Hintergründe sind indes einigermaßen mysteriös, wo nicht anstößig: Päderastie, Drogenkonsum, religiöse Subversion werden raunend angedeutet, wenn von Lewis Carrolls alias Charles Dodgsons so genanntem Kinderbuch die Rede ist. Seit den 1950er Jahren hat es auch einem psychopathologischen Syndrom den Namen gegeben und bezeichnet dann Formen gestörter Selbstwahrnehmung, wirres Zeiterleben mit Sehstörungen und Schwindelgefühl. Kein Wunder, dass Mär wie Symptombündel immer wieder zu szenischer Bearbeitung reizen.

 

Dabei ist die Phantastik der Reise eines kleinen Mädchens im Kopf eines erwachsenen Herrn mit den Mechanismen der Bühne nicht immer glücklich umzusetzen. Weswegen jetzt die Berliner Gruppe Local Check um Marc Pohl und Joséphine Evrard Abschied von geschlossenen Innenräumen genommen hat, um das tolle Treiben des Imaginären im wahrsten Sinne des Wortes zugänglich zu machen: Der interessierte Beobachter wird über neun Stationen und anderthalb Stunden durch das zum Naturschutzgebiet umfunktionierte riesige Areal eines ehemaligen Rangierbahnhofs geleitet. Mit seinen überwucherten Lokschuppen, rostenden Stellwerken, verödeten Gleisanlagen und schattigen Geräteschuppen strahlt der „Naturpark Schöneberger Südgelände“ eine Art postindustrieller Ruinenromantik aus. Der theatrale Kreuzweg „Alice’s Journey“ führt den Theaterspaziergänger behutsam durch die verwunschene Grün-Oase inmitten der Großstadt und animiert nebenbei zur Entdeckung sprechender und stummer, verfremdeter und wörtlicher Motive aus Carrolls Buch.

Auf einer Rasenfläche direkt am S-Bahnhof Priesterweg nimmt ein gehetztes Weißes Kaninchen die Zuschauer noch etwas unbeholfen in Empfang. Doch schon die 2. Station am hochragenden Wasserturm gerät zur suggestiven Studie in Persönlichkeits-Zerfall: Mal bilden Haarschopf oder ein einzelner Arm in zerfressener Stahlwand, mal zwei Damen im Eisenzaun die spiegelbildliche Ich-Grenze zwischen innerem und äußerem Erleben. Dazu tönt sacht eine Hutschachtel. Und weiter führt der Pfad durch’s abendlich beglänzte Gelände. S-Bahnzüge rattern rhythmisch in der Ferne, während eine im Gebüsch verborgene Dampflok ihre Fenster öffnet und Rauchkringel austößt. Am Boden einer ehemaligen Rangieranlage redet Goggelmoggel wirres Zeug, während an Alice die Tränen spinnwebgleich herab rinnen. Und dann verschwinden die neongelben Akteure irgendwo im Unterholz. Über einen 200 Meter langen Eisensteg erreicht man nach weiteren Szenarien das Ende der ungewöhnlichen Freiluft-Performance: den Schlafturm. Schließlich war Alicens Reise nur ein Traum. Und gelungener Auftakt des von HdK, Mime Centrum und anderen Trägern veranstalteten Kunstenthüllungs-Festivals „emballage“. Bei so etwas muss man auf Überraschungen gefasst sein. Auch auf die Persönlichkeits-Belehrung durch einen sibyllinischen Schicksalskeks zum Ende des Natur-Parcours.