Durchgearbeitete Gemütlichkeit
Die Tanzcompagnie Rubato wird 15 Jahre alt
Schwerpunkt bildete von Anfang an die analytische Arbeit an der Bewegung, getragen von einer Strenge und einem Formbewusstsein, die Mitte der achtziger Jahre nicht unbedingt üblich waren. Gegen alle postmodernen Entfesselungsversuche, gegen das Ungestüm spielfreudiger Tänzerchoreografen, aber auch gegen die Kultur des Schwermütigen und Expressionistischen einerseits, des heiteren Kunstkonsums andererseits setzte Rubato immer deutlicher choreografische Maßarbeit. Den Ausgleich zu finden zwischen rationaler Durchdringung von Bewegung und ehrlich empfundenem Ausdruck war stets oberstes ästhetisches Anliegen. Nach wie vor geht es um jenes zentrale Credo des modernen Tanzes deutscher Prägung: Wahrheit der Geste, Klarheit der Form. Damit stehen die zwei Rubato-Künstler heute in ihrer Generation ziemlich allein da, denn der ästhetische oder zumindest der Ausdrucksgehalt des Tanzes bemisst sich schon lange nach ganz anderen Kriterien – zum Beispiel nach der Abwesenheit von Tanz.
Damit haben Hell und Baumann nie kokettiert, auch wenn sehr reduzierte Stücke entstanden sind. Deren Titel, etwa "Dr. No Think" (1987), "Stopping Mind" (1993) oder "Bewegung für Bewegung" (1994), sprechen auf paradoxe Weise fast schon für sich: ein irgendwie sehr deutscher Parcours der aufschäumenden Geistesarbeit am Körper – immer skeptisch, immer ein wenig misstrauisch, immer vorsichtig tastend und dabei noch immer nach dem großen Ganzen strebend.
Eine kleine Retrospektive wichtiger Werke von Rubato markierte im März den 15. Geburtstag der Formation. Die Meditation über Licht und Tanz "Bewegung für Bewegung" von 1994 war in überarbeiteter Fassung im Hebbel-Theater zu sehen, "Kiss me here (the brutality of facts)", Jutta Hells Choreografie für ein Männertrio mit Stimme aus dem vergangenen Jahr (übrigens im Januar zur Tanzplattform Deutschland nach Hamburg eingeladen) ging samt Jubiläumsparty im Theater am Halleschen Ufer über die Bühne. Die umfängliche einheimische Fangemeinde hat's gedankt. Heute beschließt die Wiederaufnahme von "This Is Not a Lovesong" die Werkschau. In einer ersten Fassung entstand das Stück 1995 während eines Lehr- und Studienaufenthaltes in China; die überarbeitete Version kam 1998 heraus.
Auch hier ist der Titel Programm. Ein Kunst-Stück, das Liebe und Verdrießlichkeit, Nähe und Vertrauen zum Thema hat, sich aber nicht in lyrischen Effekten genügt. Das einstündige Opus ist die langsame Annäherung zweier, die sich längst gefunden haben. Kompositorisch klar in solistische Partien und Vorder-, Mittel- und Hintergrund-Kontraste gegliedert, läuft doch alles auf die Duette zu, in denen Jutta Hell mit kurzem Kleidchen zum Spiegel von Dieter Baumanns Angriffslüsten wird. In durchgearbeiteter Gemütlichkeit kommen die streng kalkulierten Bewegungsfolgen daher, durch abrupte Brüche, lange Reflexionspausen und den Kontrast von Stand und Liegen, Ausbruch und Sammlung spannungsreich arrangiert. Ein flüchtiger Kuss, ein geflüstertes Wort, ein wie selbstverständlich gereichtes Handtuch am Ende der einzelnen Abschnitte geben dem Geschehen den ungezwungenen Charakter einer Probensituation, unaufgeregt und anstrengungslos, dabei zugleich dicht und intensiv.
Hinein gemeißelt in die Tanzkomposition und die Geräuschcollage von Wolfgang Bley-Borkowski – dessen musikalisch-sinnliche Arrangements viele Stücke von Rubato begleitet haben – sind Takte aus Beethovens titanischer "Großer Fuge" aus dem Streichquartett B-Dur op. 130. Sie wirken wie Fanale, die bisweilen beide Tänzer zur synchronen Räson rufen, teils den dramatischen Unterbau zur unterkühlten Strenge der Bewegung liefern. "This is not a lovesong" ist sinnreicher Abschluss der Geburtstagsfeierlichkeiten, denn es gehört zu den reifsten Arbeiten der Compagnie.