Tanz im Nebelglanz
Patrice Barts neue alte „Giselle“ an der Staatsoper
Die Geschichte um Giselle, deren zarte Gesundheit durch zu heftiges Tanzen und auch durch den Verrat ihres Geliebten Albrecht zuschanden geht und die darob an gebrochenem Herzen ebenso stirbt wie an einer Schwertspitze, und die dennoch nicht aufhört, ihren Prinzen zu lieben und ihn daher vor dem Wili-Tanztod bewahrt, diese schöne Schauergeschichte gehört zum großen Kanon der Ballettgeschichte und bietet obendrein eine Paraderolle für jede ambitionierte Ballerina. Für die ersten drei Vorstellungen ihrer Neuproduktion dieses Klassikers hat sich die Staatsoper Unter den Linden mit Margaret Illmann, bis zur letzten Spielzeit an der Deutschen Oper engagiert, einer Darstellerin versichert, die ihrer Rolle bestürzende, nahezu Shakespearesche Tiefe verleiht. Die Intrige um den verkleideten Prinzen und seinen Flirt mit Giselle, die peinliche Enthüllung, wenn die adelige Braut erscheint und die vaterlose Winzerstochter in ophelienhaften Wahnsinn verfällt, an dem sie sterben wird, ballt sich in guter melodramatischer Tradition auf die letzten zehn Minuten des Ersten Aktes. Man ahnt hier bereits die Qualität des Kommenden. Denn die Illmann entfaltet im zweiten, dem sogenannten Weißen Akt ein derart nuancenreiches und subtiles Panorama ballettöser Grazie und Innigkeit, gepaart mit technischer Virtuosität und gestalterischer Klugheit, daß es den Atem verschlägt. Margaret Illmann ist als Giselle eine Sensation.
Doch auch die Damen des Corps de ballet präsentieren sich blendend. In der historisch orientierten Inszenierung von Patrice Bart haben sie zwar inmitten rumpeliger Bauernhäuschen und zopfiger Landschaftsprospekte insgesamt zuwenig Platz; doch überzeugt das Ensemble sowohl in den bäurisch-bunten wie in den nebelhaften weißen Formationen durch liebevolle Treue zur historischen Ballett.Ikonographie und findet als geisterhafter Zug der Wilis durch eine Verknüpfung charakteristischer Wurffiguren der Arme mit keckem Epaulement und huldvoller Neigung der Büste zu vernichtender dramatischer Schlagkraft. Wenn dann Giselle aus dem Grabe auffährt, klagen Flöte und Geige flehentlich um die unerfüllbare, doch dafür umso schönere Liebe, die sich ein letztes Mal in einem wundervollen, schier unendlichen Pas de deux Bahn bricht. Mit genußvoll leicht getragenen Adages, subtilen dynamischen Nuancierungen und unnachahmlichem Port de bras beschwört Margaret Illmann sämtliche ätherischen Phantasmen der Gender-Geschichte herauf. Die Erlösung des Mannes – Ronald Savkovic gibt den täppischen Albrecht mit angestrengter, doch glanzloser Genauigkeit – wird dann vom Morgenlicht gewährt. Als Giselle wieder ins Grab einfährt, derweil die Staatskapelle sich unter Ivan del Prados aufmerksamem Dirigat in den finalen Schluchzern der sämigen Partitur von Adolphe Adam ergeht, tupft sich auch im Publikum der eine oder andere feinsinnige Mensch eine Träne aus dem Auge. Man sage nicht, die Großen Ballette vermöchten heute nicht mehr zu berühren!