Zwischen Idylle und Motorengeräusch

Amanda Millers Pretty Ugly Dance Company zu Gast im Bockenheimer Depot

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rhein-Main 14 Jul 1996German

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Ein einsames Lichtrechteck in der hinteren rechten Ecke der kahlen Bühne flackert schüchtern auf. Es bleibt zunächst leer, denn der erste Auftritt erfolgt vorne links in völliger Dunkelheit. Amanda Miller spielt mit den Bildern auf unserer Netzhaut. Zusammen mit ihrer Pretty Ugly Dance Company gastiert die ehemalige Forsythe-Tänzerin und Choreographin jetzt auf Einladung des Balletts Frankfurt mit zwei dreiteiligen Programmen im Bockenheimer Depot. Der erste Teil von "Two Pears", das in seiner abendfüllenden Version bereits 1994 in Frankfurt zu sehen war, machte dabei den Auftakt, gefolgt von "Night by Itself" (1993) und "My Father's Vertigo (1992), die beide zum ersten Mal hier zu sehen sind.

Amanda Millers Choreographien betreiben eine Art Aneignung historischer Bewegungsformen. Ihr Körpermodell bleibt an der vertikalen Achse des klassischen Ballets ausgerichtet, die sie durch Drehungen einzelner Gliedmaßen, abgeknickte Gelenke und Schlingerbewegungen des ganzen Körpers bricht und verschiebt. Ihr Tanz ist durch die Zersplitterungen der Forsythe'schen Dekonstruktion gegangen, um im diffusen Licht am anderen Ende des Tunnels eine Art Klassik zweiter Ordnung zu rekonstruieren. Inmitten des friedlichen Kreiselns ihrer Tänzer brechen immer wieder kleine Kämpfe aus, die von einem bewußten, ironischen Umgang mit dem Material zeugen und die Tanzgeschichte von einem durchweg heutigen Standpunkt aus betrachten. So wird die Frau im grünen Kleid, Chiffre der Natur, in "Two Pears" plötzlich gewürgt, um am Ende zappelnd am Boden liegen zu bleiben.

Doch in Amanda Millers integrativ-organizistischer Welt mit esoterischen Untertönen fließt alles wie in einem unaufhörlichen "elan vital" dahin. Wie ein Schwamm saugt sie Erfahrungen und Ausdrucksformen sowohl des klassischen wie auch des modernen Tanzes auf, um sie auf der Bühne in Harmonie rückzuverwandeln, die alle Widersprüche des Jahrhunderts zwischen Technik und Natur, Geist und Körper, Schönheit und Häßlichkeit in sich aufgenommen und überwunden hat. Andere moderne Choreographen hadern mit der Schwerkraft, ihrer idealistischen Überwindung und den Verlockungen des Himmels. Amanda Miller dagegen ist bereits im Himmel. Präziös gereckt, manieriert gedreht, strecken ihre Tänzer ihre Arme aus, als wollten sie in schönster Ausdruckstanzmanier die Sonne anbeten. Jede ihrer Bewegungen ist wie mit Watte abgefedert. Wie auf Wolken gleiten die Tänzer dahin, gänzlich entschlackt und entkörperlicht - dadurch aber auch rundum spannungslos, reibungsfrei und gefällig. Amanda Millers Bewegungen sind wie ein fein in der Luft zerstäubtes Parfum. Völlig substanzlos verfliegt ihre unfaßbare Schönheit und hinterläßt eine wabernde Duftspur, die nach einer Weile nur noch unangenehm in der Nase klebt.

Demgegenüber stehen immer wieder die Musik und das Licht, die sich der allzu heimeligen und wohligen Ausbreitung des Tanzes widersetzen. Arto Lindsay bricht in seiner Collage für "Two Pears" die zwitschernde Vogelidylle mit Motorengeräuschen, und Fred Friths trudelnde und schwindelige Geigen, deren Töne schon mal harsch abstürzen, verleihen "My Father's Vertigo" eine Schärfe, die die anderen beiden Stücken vermissen lassen. Miller experimentiert hier mit einfachen geometrischen Formen und Formen des Gesellschaftstanzes, dessen Paare sie forsch aus der Balance kippt, mit Linien, Kreisen und Rechtecken, in denen sie die vier Tänzer und vier Tänzerinen choreographisch allerdings wenig einfallsreich gegeneinander führt.

"Night by Itself" schlieálich, mit dem sie 1994 den Choreographenwettbewerb im französischen Bagnolet gewann, ist das geheimnisvollste Stück des Abends. Cara Perlman hat dafür obskure aufblasbare Plastikobjekte entworfen, die hereingetragen und vergessen, oder einfach in den Bhnenhimmel hinaufgezogen werden. Füße erscheinen unter dem leicht angehobenen Prospekt an der Bühnenrückwand, Hände, die pyramidenförmige Gegenstände scheinbar willkürlich verschieben. Im orangefarbenen Dämmerlicht bewegen sich die sechs Tänzer stets an der Grenze zur Sichtbarkeit und erzeugen dadurch eine suggestiv-surreale Traumwelt zwischen Wachen und Schlafen, deren Feinheiten es zu erkunden lohnt.