Wagen und Zagen, Zweifeln und Hoffen, Wollen und Sollen
Das Hamburg Ballett zeigt John Neumeiers "Sylvia" in der Jahrhunderthalle Hoechst
Die nackten Beine von Eros baumeln im Türrahmen in der Bühnenrückwand. Mit einem Plumps landet der Geflügelte im grünen Wald, wo tanzende Paare mit ausgestreckten Armen und gebeugten Oberkörpern lebende Bäume verkörpern. Das Prinzip der Liebe, das Jiri Bubenicek ebenso stark wie verspielt gestaltet, bringt die kriegerisch-selbstgenügsame Welt der keuschen Jagdgöttin Diana und ihres Gefolges kräftig durcheinander. So mögen die Pfeile der lederbeharnischten Amazonen, die zu Beginn des Gastspiels des Hamburg Balletts zwischen den Parkettreihen der Jahrhunderthalle Hoechst herumspringen, zwar pfeilgerade ins Ziel treffen, doch "Sylvia" lebt vom Prinzip der Umkehrung. Yannis Kokkos hat dafür ein in klare Flächen gegliedertes Bühnenbild entworfen, in dem der Wald im zweiten Teil nach außen gestülpt wird, um einen marmor-kühlen Innenraum zu schaffen, während er im dritten Bild seitenverkehrt wieder auflebt.
Sylvia, Dianas liebste Nymphe, erblickt den Schäfer Arminta und verliebt sich ihn. Erschrocken über sich selbst, haut sie ihm eine runter und flüchtet sich zunächst zurück in die schützende Schar junger Frauen. Doch einmal aus dem Stand der Unschuld gefallen, gibt es keine Rückkehr ins Paradies mehr. Nur noch in der Erinnerung, die als Raum der Sehnsucht in John Neumeiers Neufassung von Léo Delibes 1876 in Paris uraufgeführtem Ballett "Sylvia" eine zentrale Rolle spielt. Neumeiers "Sylvia", im Juli zunächst in Paris am Ort der Uraufführung zur Premiere gekommen und im Dezember für Hamburg neu einstudiert, verzichtet auf das verwirrende Originallibretto mit Götterprüfungen und Entführungen. Der Choreograph, seit 25 Jahren Intendant in Hamburg, macht aus der Nymphe, die die Liebe entdeckt, eine Geschichte vom Verlust der Unschuld, die am Ende auch ein Verlust der einstmals geträumten Träume und der gesellschaftlichen Utopien ist.
Seine "Sylvia" ist eine durch und durch desillusionierende Geschichte. Deshalb vermag sie auch jenen Hauch von Pathos nie ganz abzustreifen, in den Neumeier seine Figuren in ihrem vergeblichen Streben nach Glück so gerne hüllt. Alles ist eigentlich immer schon verloren, wie die unmögliche Liebe Dianas zu Endymion, der Anna Polikarpova und Jacopo Munari zu eindringlicher Gestalt verhelfen. Neumeiers Sylvia, gefangen im Spalt zwischen sehnsüchtiger Erinnerung und banaler Realität, muß daher auch ein allzu reines, passives und ätherisches Wesen bleiben. Eros in Gestalt des schönen Jägers Orion führt sie am Ende des ersten Teils durch das gelb leuchtende Hintertürchen hinaus aus dem schützenden Wald und hinein in die blau schimmernde Gegenwelt einer Gesellschaft von heute, wo nur noch der grüne Schein auf Sylvias rotem Samtkleid an den Wald von einst erinnert.
Was in "Die Kunst des Bogenschießens" zuweilen noch zum steifen Bewegungsklischee erstarrte, befreit sich nach der Pause immer mehr aus dem Korsett banaler Flexionen. "Im Reich der Sinne" hat Neumeier den zweiten Teil des Abends überschrieben: eine gelackte Partygesellschaft, die ihre kalten, begehrlichen Blicke wie Pfeile durch den Raum schießt. In dieser modernen Jagdszene, bei der Sylvia wie ein erlegtes Reh immer wieder auf Händen getragen wird, gelingt Neumeier Großes. Sein rauschender Reigen tanzender Paare zu Delibes ebenso eingängiger wie abwechslungsreicher Musik ist in der Raumaufteilung und Variationsfähigkeit von mitreißender Dynamik.
Im dritten Bild, der "Wintersonne", hat auch der Wald seine Unschuld und mythische Kraft verloren. Amintas trägt ein Schild mit der Aufschrift "Rettet den Wald" über die Bühne, bevor er sich in trotziger Resignation auf den Boden setzt. Auch Sylvia, im hochgeschlossenen gelben Kleid und mit einem kleinen Koffer in der Hand, kommt in den Wald zurück, und für das Wiedersehen der beiden Liebenden ist John Neumeier ein kleines Wunderwerk an Pas de deux geglückt, das zwischen wagen und zagen, hoffen und verzweifeln, wollen und sollen alle nur erdenklichen emotionalen wie tänzerischen Richtungswechsel, Widersprüche und Ambivalenzen bis ins kleinste Detail auskostet. Heather Jurgensen und Ivan Urban bringen die erkalteten Gefühle des zweiten Teils mit äußerster Intensität erneut zum Brennen.
Doch dann tritt Sylvias Mann (Lloyd Riggins) auf, rückt sich die Krawatte zurecht und führt seine Gattin ab, die ihm widerstandslos folgt. Diana erinnert sich an ihre Liebe zu Endymion, der sich traumverloren rückwärtsrollend wieder auf seinen blauen Fels niederläßt, wo er als Sinnbild der Vergeblichkeit bereits zu Beginn des Balletts geruht hatte. Von Eros entwaffnet, bleibt Diana in einem eisigen Schlußbild in ihren Panzer gehüllt allein auf der Bühne zurück. Mit "Sylvia" ist John Neumeier ein rankes und schlankes Ballett gelungen, klar im emotionalen Ausdruck und hervorragend in der tänzerischen Gestaltung. Das Publikum in der Jahrhunderthalle Hoechst dankte es ihm mit stürmischem Applaus.