Bruchstücke von Märchen
Zur Uraufführung von Hooman Sharifis „Lingering of an earlier event“ beim steirischen Herbst
Prolog
Wir glauben an die Existenz von ganz besonderen Arten des Tier-Werdens, die den Menschen durchdringen und mitreißen und die ebenso das Tier wie den Menschen betreffen. ... Es ist offensichtlich, dass der Strukturalismus diese Arten des Werdens nicht berücksichtigt, da er gerade geschaffen wurde, um ihre Existenz zu leugnen oder zumindest herabzuwürdigen: eine Entsprechung von Beziehungen ist noch kein Werden. Das geht so weit, dass der Strukturalismus, wenn er auf solche Arten des Werdens trifft, die eine Gesellschaft in jede Richtung durchlaufen, darin Verfallsphänomene sieht, die die wirkliche Ordnung aus der Bahn werfen und abenteuerliche Wendungen der Diachronie ans Licht bringen.
Dennoch ist Lévi-Strauss bei seinen Mythenforschungen immer wieder auf jene spontanen Handlungen gestoßen, durch die der Mensch zum Tier wird, während das Tier zugleich zum ... (ja, zu was wird? Wird es zum Menschen oder zu etwas anderem?) Der Versuch, Blöcke des Werdens durch die Entsprechung von zwei Beziehungen zu erklären, ist immer möglich, aber er führt sicher auch zu einer Verarmung des beobachteten Phänomens. Muss man nicht zugeben, dass der Mythos als Klassifikationsrahmen nur wenig geeignet ist, diese Arten des Werdens zu verzeichnen, die eher so etwas wie Bruchstücke von Märchen sind? (Gilles Deleuze & Félix Guattari: Tausend Plateaus)
Sich einem anderen Sinn hingeben
Die Bühne ist schwach beleuchtet. An ihre Rückwand wird in der Vogelperspektive die Spielfläche projiziert, was eine eigenartige Verschiebung und Virtualisierung des Raumes bewirkt. Stoffe liegen wie Kokons am Bühnenrand. Auf der rechten Seite hängen in Schulterhöhe Metallpaneele. Zwei Sets von Scheinwerfern stehen jeweils an den Seiten der Bühne. Die fünf TänzerInnen (Rikke Baewert, Matthew William Smith, Loan Hà, Peder Horgen, Marianne Kjærsund) kommen in Schwarz gekleidet auf die Bühne. Sie binden sich weiße, durchscheinende Tücher über die Gesichter. Obwohl sie durch die Tücher augenscheinlich nicht völlig blind sind, entsteht doch der Eindruck eines fehlenden Gesichtssinns.
Hooman Sharifi und seine TänzerInnen sind in „Lingering of an earlier event“ dem Versuch einer Umsetzung einer Utopie (die eine Heterotopie ist), der Entstehung eines utopischen Landes nachgegangen und haben diese Umsetzung direkt in den Körper und den Raum verlegt.
Durch die Verhüllung des menschlichen Gesichts, einem wesentlichen Bestandteil des Signifikanten der menschlichen Kultur, entsteht von Beginn an eine seltsam entmenschlichte Szenerie. Wie aus einem anderen Land tasten sich gesichtslose Avatare, deren Körper von anderen Sinnen sind, sich in einem anderen Sinn bewegen und hingeben, durch den Raum. Auch die Hände, die in ihrer Entwicklung zu einem komplexen Tast- und Greiforgan dargestellt sind, werden im ersten Teil des Stücks noch nicht in allen ihren Fähigkeiten eingesetzt. Noch sind es etwa nur die Handrücken, die am Körper des Anderen entlang reiben.
„A nameless country, with borders which are constantly in negotiation, their flag made of see-through plastic. Over there live people who believe in time.“ So beginnt einer der vier Texte, die als Programm für das Stück mitgegeben werden. Die Texte sind literarisch poetische Umgebungen oder parallele Linien entlang der Performance.
„Lingering of an earlier event“ gibt eine Entwicklungsgeschichte mit unterschiedlichen Kultivierungsprozessen wieder, die mittels Bewegung durchlaufen wird. Das Bewegungsmaterial oszilliert zwischen pantomimischer Konkretheit und tanzenden Sinnbezügen, die in großer Musikalität miteinander kommunizieren. Musik und Rhythmus werden von den Bewegungen und Geräuschen (Schritten, Atem, Berührungen) der TänzerInnen erzeugt. Die Atemgeräusche verändern sich nach einiger Zeit in eine Konversation aus Zischlauten, die in eine Urlautsymphonie mündet.
Eine Landschaft aus bunten Tüchern
Danach werden die Hände zu Werkzeugen, die anpacken, angreifen, die sich an den Händen halten können. Die TänzerInnen bedienen sich des aufrechten Ganges und bilden eine Kette, die sich im plötzlich hörbaren Gleichschritt durch den Raum bewegt. Sie drehen und winden sich solange zu- und umeinander, bis sie sich auf kleinsten Raum zusammen drängen.
Die unvermittelte, aktionistische Handhabung der Tücher, die bis jetzt liegen geblieben sind, bestimmt den dritten und letzten Teil des Stückes. Begleitet wird dieser von einer Komposition von langanhaltenden Tönen aus dem elektronischen Soundspektrum, die mit einem tiefen, vibrierenden, langsam ansteigenden Bass beginnt.
Eine skulpturale Landschaft aus bunten orientalischen Tüchern entsteht. Sie transformiert sich durch langsame Bewegungen in uralt wirkendes, farbiges Menschengestein, in verhüllte Gestalten, in einen flatternden Himmel aus fliegenden Teppichen und in eine auf den Boden ausgebreitete, gescheckte Landkarte. Auf die sich die entkleideten TänzerInnen legen und gemeinsam ein arabisch klingendes Lied singen.
Der Umgang mit Raum, Bewegung und Sound unterscheidet sich in diesem Teil radikal von dem vorherigen Geschehen. Die Zeit der Bilder (sie entstehen, kommunizieren und transformieren zu lassen) scheint sich nicht so richtig zu der vorher etablierten Bewegungszeit der Körper zu fügen. Es gestaltet sich ein etwas unerwarteter Epilog, der eigentlich eine weitere, anders gestaltete Übersetzung ist.
Tanz als Metapher für Landnahme
Hooman Sharifi ist bekannt für seine politische Auseinandersetzung. Er und sein Team reflektieren nicht nur, wie sich strukturelle Gewalt auf Individuum und Gemeinschaft auswirkt, sondern versuchen diese Diskurse auch immer in den Körper zu verlegen. Während seine früheren Choreografien die TänzerInnen meist an die Grenze zur Erschöpfung geführt haben, treten diesmal andere physische Aspekte dieser vormaligen motorischen Tabula Rasa in den Vordergrund.
Die ersten beiden Teile von „Lingering of an earlier event“ geben eine Erzählung einer sozio-kulturellen, körperlichen Evolution wieder, die von der starken Präsenz der TänzerInnen und der sehr ausgefeilten akustischen Wahrnehmung bzw. Umsetzung des Geschehens im Raum getragen wird. Die Bilder, die durch die Beschäftigung mit den Tüchern entstehen, könnten vielleicht am Besten im Sinne von (den oben erwähnten) Bruchstücken von Märchen verstanden werden, die eine zusätzliche poetische Kraft entwickeln.
Land wird nicht nur eine Metapher für Körper, Bewegung und Objekte, sondern auch für den Umgang mit denselben. Land bezeichnet einen nicht von Wasser bedeckten Teil der Erdoberfläche. Eine durch gemeinsame naturräumliche abgegrenzte Region, einen ruralen landwirtschaftlichen Raum (im Gegensatz zur Stadt) und das Territorium eines verfassten Staates. Landnahme ist ein wesentliches Merkmal unserer politischen Konstitution.
Sharifi durchwandert diese Länder mit seiner Gruppe in einem politischen Sinn, in dem sie poetologische Spuren aufgreifen. „Wir wissen“, vermitteln sie in ihren tanzenden Handlungen, „dass es zwischen Mann und Frau viele Geschöpfe gibt, die aus anderen Welten kommen, die vom Wind herbeigetragen werden, die um Wurzel herum Rhizome bilden und sich nicht in Termen von Produktion begreifen lassen, sondern nur in Termen des Werdens." (Deleuze & Guattari: Tausend Plateaus)