Von Orten, die weit weg sind
Mathilde Monniers Choreographien zu Musik von Heiner Goebbels
Seit sie 1993 zur Leiterin des Centre Chorégraphique National de Montpellier ernannt wurde, beschäftigt sich Mathilde Monnier mit den Gespenstern des Anderen, die unsere eigene Vorstellungswelt heimsuchen. Im Süden Frankreichs, wo der afrikanische Kontinent stets nah ist, sucht die Choreographin die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, ihren Mythen und Gesten. Mathilde Monniers Arbeiten sind Arbeiten über die Fremdheit. Das unterscheidet sie wohltuend von zahlreichen ihrer französischen Kollegen, die mit einer standardisierten Bewegungssprache über die üblichen Themen von Liebe, Lust und Leidenschaft kaum hinauskommen. In ihrem choreographischen Denken von Merce Cunningham geschult, vermeidet Monnier stets die vorschnelle inhaltliche Festlegung ihres gefundenen Bewegungsrepertoires, das sie straff in eine formale Struktur einbindet. Auch „Les lieux de là“, den Orten oder Plätzen, die weit weg von hier liegen, und die sie in ihrer Choreographie erkundet, bleibt ein fremdes, sperriges Stück, das seine Spannung aus dem Wechsel von Positionierung und Deplazierung bezieht. Die beiden ersten Teile der Trilogie, 1998 und 1999 für das Festival Montpellier Danse und das Théâtre de Ville in Paris entstanden, sind jetzt im Frankfurter Mousonturm zu sehen.
Annie Tolleters Bühne besteht aus fünf robusten Holzwänden, die die rechte Bühnenseite flankieren, und einer Reihe gestapelter Kartons auf der linken Seite, die im zweiten Teil des Abends abgetragen werden, um den Blick auf eine Mauer aus grauen Filzdecken freizugeben. Das Feste, Unverrückbare und das Leichte, Wandelbare, das auch die Bewegungen der zehn Tänzer und Tänzerinnen charakterisieren wird, stehen sich so schon im Bühnenbild gegenüber. Katapultartig schießt ein Tänzer zu Beginn zwischen den Kartons hervor und landet mit einem Knall auf dem Rücken. Köpfe werden in die Kartons gerammt, schlagen gegen die Holzwände, Körper werfen sich mit voller Wucht auf einzelne Kartons und drücken sie platt. Monniers Körper werden buchstäblich in diese fremde Welt geworfen, wo sie sich zu einer Gruppe zusammenschließen. Mal amorphe Masse, die aus einer Vielzahl Gliedmaßen besteht, mal in Soli und Duos individualisiert, stützen sich ihre Körper in prekären Balancen ebenso gegenseitig, wie sie sich dadurch auch auf Distanz zu halten scheinen. Eine Frau zwängt sich zwischen zwei Männern hindurch, eine andere klemmt sich zwischen die Holzwände. Mathilde Monnier nutzt alle Raumebenen. Hoch über den Köpfen der Gruppe wandert eine Tänzerin von Schulter zu Schulter, andere werden in der Horizontalen vor den Körpern gehalten, wieder andere rollen über den Boden.
Der Musik von Heiner Goebbels, live gespielt von Alexandre Meyer, der im Bühnenhintergrund Platz genommen hat, ist ein nervöser fortschreitender Grundgestus eigen, der auf Wiederholungen einzelner Töne und Rhythmen basiert. Ein metronomartiger Puls wird überlagert von melodischen Inseln aus Gitarrenakkorden oder elektronischen Klangflächen, auf denen man sich für ein paar Momente ausruhen kann. Arabisch und afrikanisch anmutende Harmonien klingen leise im Hintergrund an. Stimmen wie auf einem Bazar und Gesänge bei einem traditionellen Tanz flirren durch die Luft. Doch all das ist weit entfernt vom Ethno-Kitsch zivilisationsmüder Weltbürger. Das Schöne sowohl der Choreographie als auch der Musik ist ihr transitorischer Charakter. Orte und Stimmungen klingen wie im Vorüberziehen an, ohne je wirklich präsent und damit auch eindeutig zu sein. Alles ist hier im Übergang begriffen, taucht wie aus der Tiefe eines Traums aus, um bald darauf wieder abzutauchen. Die Choreographie lebt von ihren zahlreichen ruckartigen Unterbrechungen, in denen sich die Tänzer immer wieder neu verorten müssen, als wüßten sie selbst nicht, wo es sie als nächstes hintreibt. Stets dazwischen und trotz ihrer wuchtigen Körperlichkeit nie wirklich da, öffnen sie unsere Vorstellung für zahlreiche unbekannte Orte, die es noch zu entdecken gilt. Das alles macht „Les lieux de là“ zu einem spannenden Tanzabend.