Das Abwesende ins Bild setzen

Die Gruppe commerce zeigt ihr Tanzst├╝ck "second" im Mousonturm

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In der Studiobühne des Mousonturms sitzt sich das Publikum gegenüber. Zwischen den beiden Zuschauerpodesten erstreckt sich ein weißer Raum, an dessen Kopfende zwei Bildschirme auf einem Tisch plaziert sind. Eine kleine Kamera liegt davor, eine zweite steht auf einem Stativ mitten im Raum. Kleine Kassettenrekorder liegen auf dem Boden, aus denen beinahe unhörbar in unregelmäßigen Abständen Stimmen und Geräusche ertönen, die ab und an von einem weichen Klavierton akzentuiert werden.

Nacheinander eilen die zwei Tänzer und zwei Tänzerinnen zur Bühnenwand, die den Monitoren gegenüber liegt, und drücken, mit dem Gesicht zur Wand, einzelne Körperpartien dagegen. Knie, Handgelenke, Stirn - aus den unterschiedlichen Kontaktpunkten heraus verlagern sie ihr Gewicht, rutschen entspannt nach unten, wechseln die Positionen oder schieben sich gegen- und übereinander. Mit dieser feinen Choreographie wird dem Tanz zunächst auf faszinierende Art der Raum genommen, während eine Kamera das Bild einfängt und es über die ganze Länge des Raumes auf einen der beiden Bildschirme auf der anderen Seite wirft.

Thomas McManus und Nik Haffner, zwei ehemalige Forsythe-Tänzer, haben mit Deborah Jones, ehemals Royal Ballet London, und Joanna O’Keefe, sowie der ZKM-Projektleiterin Astrid Sommer die Gruppe commerce gegründet. „second“ ist ihr zweites Stück. Teile der Produktion sind schon im belgischen Leuven für das Klapstuk-Festival entstanden, bevor sie ihre Arbeit im Frankfurter Mousonturm nun fortsetzten. Es geht um Linien, die im Raum kommunizieren, Formationen, die korrespondieren, wie etwa das in Falten gezogene Gesicht einer Tänzerin mit der faltigen Textur eines Pullovers, Verbindungen, die sich erst im Videobild abzeichnen, um Tänzer, die im Bild sind und aus dem Rahmen fallen. Der offene Raum, der verschiedene Zonen der Sichtbarkeit und der Aktivität ermöglicht, wird durch die Kameras regelrecht fokussiert. Das Abwesende wird ins Bild gesetzt, das Periphere rückt ins Zentrum, das Zentrum zerfällt mit jeder Aktion von neuem, bis der Raum selbst dynamisch wird.

Allmählich erobern sich die vier die dritte Dimension und lösen sich von der Wand. Duos entstehen auf der Basis von Kontaktimprovisationen, einzelne Soli, in denen die Tänzer schlingernd und drehend durch den Raum kreiseln. Rückt jemand der Tischkamera zu Nahe, schattet der Körper die anderen auf dem Monitor ab, was sowohl für perspektivische Brüche als auch für ein Spiel mit Nähe und Ferne sorgt. Doch „second“ bearbeitet nicht nur den Raum. Auch die vierte Dimension der Zeit wird hier zur besonderen Erfahrung. Nach geraumer Zeit schaltet jemand den zweiten Bildschirm ein, der mit der Kamera auf dem Stativ verbunden ist. Diese projiziert zeitverzögert Bilder, die wie eine Art Gedächtnis in die Gegenwart der Tänzer eingelassen sind. Die Kamera nimmt dabei den Bildschirm auf, der sich, in unendlicher Regression immer kleiner werdend, selbst auf den Monitor wirft. Damit verbunden sind weitere Zeitverzögerungen, Staffelungen und Schichtungen von vergangenen Abläufen, die mit der Live-Aktion der Tänzer in einen Dialog treten. „second“ ist ein in seiner Dynamik ruhiges, verhaltenes Stück, das die Tänzer mit größter Konzentration und auf gleichbleibend hohem Niveau ausführen. Es ist ein Stück, das sich nicht durch Aktionismus in den Vordergrund spielt, sondern sich durch Überlegung auszeichnet.