Kreuzungspunkte

Richard Siegal zeigt drei Choreographien im Bockenheimer Depot

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Sie als „junge Choreographen“ zu bezeichnen, wird ihnen längst nicht mehr gerecht. Schließlich sind die Tänzer des Ballett Frankfurt eigenständige Künstler, die ihre Arbeiten längst in verschiedenen Städten zeigen. Als erstes Mitglied der Kompanie bringt nun Richard Siegal drei seiner Stücke, die in Hamburg, Athen und New York entstanden sind, nach Frankfurt und fügt sie auf der Bühne des Bockenheimer Depots zu einem Abend zusammen. Dabei macht es uns der New Yorker Tänzer, der zur Zeit wohl zu den fabelhaftesten Tänzern gehört, die die Tanzwelt zu bieten hat, nicht leicht. Das Auftaktstück „X(angels)reconsidered“ für drei engelsgleiche Tänzer, die mit viel Schwung und raumgreifenden Armbewegungen über die Bühne pendeln, bis hintereinander zum Stehen kommen und ihre Bewegungen auf der Stelle verdichten, ist dabei das lockerste Stück des Abends. Mit seiner Vorliebe für experimentelle, unter die Haut gehende neue Musik, Sprache und Film schafft er dichte Szenen, in denen er sich manchmal aber auch zu verlieren droht.

Den Buchstaben X, den Siegal in den Titeln gerne als Variable einsetzt, läßt sich beim Betrachten der Stücke genauer als Kreuzungspunkt, als Punkt der Begegnung zweier Welten und Wege verstehen. Das vermeintliche Wiedersehen eines Mannes mit einer Freundin aus der Kindheit steht im Mittelpunkt von „Xcongruenttox“, das Siegal zusammen mit seiner ehemaligen Kollegin Crystal Pite choreographiert hat. Das Stück beschreibt eine Spirale hinab in de Vergangenheit, bei der ein mysteriöser Anrufer eine Kette von Erinnerungen wachruft, deren Wahrheitsgehalt jedoch nie zu überprüfen ist. Siegal nimmt den Anruf hinter einer Spielwand stehen an, während vorne auf der Bühne Crystal Pite mit faszinierend lockeren und verschraubten Bewegungen einer Kreidespur aus Pfeilen und verdrehten Worten nachgeht. Mit gleichen Perücken ähneln sie einander, stehen Rücken an Rücken als seien sie nur die zwei Hälften einer Person, die sich jedoch immer um einen Hauch verfehlen.

Für „X(Albee)“ kreuzt Siegal Fiktion und Leben, Film und Wirklichkeit, bis sich auch hier die klaren Grenzen verwischen. Zwei Tänzer, Ayman Harper und Nathalie Thomas, setzen sich auf den Bühnenboden und werfen ihre Schatten auf eine Leinwand, auf der Richard Burton und Elizabeth Taylor in dem Film „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ihren Ehekrieg ausfechten. Durch Zeitraffer oder Zeitlupen wirken ihre Stimmen und Bewegungen überaus monströs wie brüllende Raubtiere, die aufeinander losgehen. Plötzlich treten hinter der Spiegelwand die beiden Paare aus dem Film auf und tanzen unserem Ehepaar, das vor der Leinwand Platz genommen hat, etwas vor. Cora Bos-Kroese, Fabrice Mazliah, Roberta Mosca und Richard Siegal klettern übereinander und torkeln in Nachahmung der Filmbilder puppenhaft über die Bühne.

Doch Siegal kommt hier nicht zum Schluß, setzt von Neuem an, auch wenn es längst nichts mehr zu sagen gibt. Immer wieder ersterben die Szenen, legt sich ein bleischwerer Mantel über die Bühne, bis der Rhythmus der Aufführung nahezu zum Erliegen kommt. Mit einer fulminanten Gruppensequenz mit weitausholenden synchronen Bewegungen setzt er schließlich doch noch einen markanten tänzerischen Schlußpunkt, der, wäre er früher gekommen, dem Stück sicher noch besser zu Gesicht gestanden hätte.