Dss Chaos erster Liebeswirren

Das Tanztheater Johanna Knorr

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rhein-Main 13 Nov 2002German

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Contextual note
Johanna Knorr runs a dance studio in Frankfurt. In 1993, she started developing pieces for and with her students who have grown with her over the years. So have the pieces.

In „Fernweh - oder die Neue“ behandelten die jungen Tänzerinnen aus Johanna Knorrs Tanzstudio vor vier Jahren die Erfahrung des Fremdseins. In „Schwestern!“ ging es zwei Jahre später um die ersten Wehen des Erwachsenwerdens. In „Schönes Chaos-Erste Liebe“, das nun im Gallus Theater Premiere hatte, schickt Johanna Knorr ihr junges Ensemble in den Dschungel der ersten Liebeswirren.

Schon in ihren vorangegangenen Stücken ging es der Frankfurter Tänzerin und Tanzpädagogin nie in erster Linie darum, das Können ihrer Tänzerinnen um seiner selbst willen auszustellen. Immer hat sie die jungen Talente in einen größeren dramaturgischen Rahmen gestellt und hat Formen gefunden, die ihnen zugleich Halt boten und Distanz zu sich selbst ermöglichten. Auch in ihrem neuesten Stück „Schönes Chaos-Erste Liebe“ lehnt sich die Wahl des Themas an die Entwicklung der Mädchen an, die mittlerweile zwischen vierzehn und siebzehn Jahre alt sind. Was sie tanzen und spielen hat mit ihrer Erfahrungswelt zu tun und wirkt deshalb auch diesmal wieder umwerfend erfrischend, locker und direkt. Gleichzeitig verliert Johanna Knorr die Vermittlung und Prägung der Gefühle und Erwartungshaltungen durch Medien oder Konventionen nie aus den Augen.

Der Abend beginnt mit vier nacheinander getanzten Soli in jeder Ecke der Bühne, wovon jedes individuell gestaltet ist. Die Tanzszenen, die auf verschiedenen zeitgenössischen und modernen Techniken basieren, sind weitaus stärker als das, was man in der freien Szene sonst zu sehen bekommt. Plötzlich beginnt ein Handy zu klingen und das Ensemble reckt und streckt sich sehnsüchtig von der Bühnenrückwand nach vorne zur Rampe, wo die klingelnden Versprechen aufgereiht liegen, bereit ihren Besitzern auf Knopfdruck die Welt zu Füßen zu legen. Rivalität und ewige Treue, die Andere doof finden, nur weil sie mit einem Jungen ausgeht, den man eigentlich auch toll findet, das abrupte Entlieben, wo man sich gestern noch die Welt versprochen hat, nur um am Ende doch wieder anzurufen als wäre nichts geschehen: Die Wechselbäder der Gefühle finden hier alle ihre choreographische Form.

Ein Mädchen im Blumenkleid rauscht über die Bühne als sei ihr die Liebe zu Kopf gestiegen. Die Liebesgeschichte aus dem Fortsetzungsroman einer Illustrierten wird mit treffsicherem Witz pantomimisch zum besten gegeben. Zwei Rivalinnen jagen sich in großen Reifröcken zur Musik einer Händel-Arie wie die Furien durch den Raum und punkten mit jedem Zupfen ihres Rocks. Johanna Knorr bietet diesmal sogar historische Formen auf, um den Gefühlen Raum zu geben. So liest ein Mädchen im Schein von Kerzen einen romantischen Liebesbrief, während ihr ihre Freundin vorwirft, sie sei hoffungslos veraltet. Eine Formation Tänzerinnen tritt auf und beginnt einen strengen Barocktanz. Das Ensemble ist mit Johanna Knorr gewachsen und Johanna Knorr mit ihrem Ensemble. „Erste Liebe-Schönes Chaos“ ist eine reife Leistung.