Signé, signés

Die französische Choreographin Mathilde Monnier zeigt ihr Stück „Signé, signés“ im Mousonturm

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rhein-Main 13 Feb 2003German

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Von irgend jemand sei man immer beeinflußt, hat Mathilde Monnier einmal gesagt. Es nützt nichts, so zu tun, als erfinde man das Rad ständig neu. Vielmehr müsse man sich der Geschichte stellen. Ganz bewußt hat sich die französische Choreographin, die in Montpellier das Centre Chorégraphique leitet, in ihrem Stück „Signé“ dem Einfluß von Merce Cunningham gestellt, bei dem sie in den achtziger Jahren in New York einen Teil ihrer tänzerischen Ausbildung absolvierte. In einer anderen Form bei den Wiener Festwochen im Jahr 2000 uraufgeführt, trägt „Signé“ die Handschrift von Cunningham, dessen prononcierte, stark konturierten Körper Monnier wie Schriftzeichen in den Raum stellt.

Mathilde Monnier hat mit ihrer Bühnenbildnerin Annie Tolleter eine Versuchsanordnung entwickelt, die vielen Stücken von Merce Cunningham ähnelt. Anspielungen auf „Beach Birds“ (1991) oder das legendäre „Variations V“ von 1965 mag man finden oder auch nicht. Viel spannender ist es jedoch zu beobachten, wie Monnier zwischen einem Vogelkäfig vorne rechts an der Rampe (eine kleiner augenzwinkernder Verweis auf John Cage, Cunninghams langjährigen musikalischen Partner), einer Livekamera, die Bilder des Vogels oder von Tänzern links auf einen Bildschirm wirft, einem Tonpult, an dem der aberwitzige Musiker eRikm auf allerlei elektronischen Geräten improvisiert, und den Tänzern verschiedene Zentren der simultanen Aktivität schafft, die unseren Blick ständig in Bewegung halten. Überall geschieht etwas, stellen sich kurzzeitig Verbindungen her, die den Raum extrem dicht aufladen.

Färbte sich im ersten Teil lediglich das Gefieder des weißen Vogels durch verschiedene Lichtfilter, sind es im zweiten Teil „Signés“ die Bewegungen der vier Tänzer, die an Farbigkeit gewinnen. Aufgebaut auf einem Grundgerüst aus Cunninghamschen Balancen, Arabesken mit weit nach vorne gelegtem Oberkörper, gegeneinander gedrehten Körperpartien und optisch verlängerten Gliedmaßen, sind die Bewegungen jetzt wesentlich stärker erotisch aufgeladen. Zwei Männer bewegen ihre Becken und reiben sie aneinander. Ein anderer läßt seine Bauchmuskeln spielen. Jemand greift seinem Partner zwischen die Beine und trägt ihn so durch den Raum. In einer Partnerübung fordert ein Tänzer seine beiden auf dem Boden liegenden Kollegen dazu auf, sich vollkommen zu entspannen, während er ihnen dabei sanft über den Rücken streicht.

Ein breites gelbes Latexband teilt die Bühne in der Hälfte und bietet den Tänzern dahinter eine Ruhezone, in die gegen Ende aber auch eine Kamera eindringt. In der rotumrandeten runden Zielscheibe, die sich über das Band bewegt, erscheint dann wie in einer Pupille das Bild eines Tänzers.

So wie das Latexband sich stets leicht ausdehnt und zusammenzieht, erweckt auch der Abend den Eindruck, als würde er atmen. Elastisch und doch aufs äußerste gespannt, steigert er sich zu einer herrlich choreographierten Kakophonie aus Geräusch-, Bild- und Bewegungssplittern, die wild durch den Raum wirbeln. Monnier geht mit Cunningham über ihn hinaus, indem sie seine bis ins Extrem gesteigerten tänzerischen Möglichkeiten des Körpers auf humorvolle und euphorische Weise zum Explodieren bringt. „Signé, signés“ ist ein dichtes und spannendes Stück, das sowohl den Tänzern als auch dem Publikum viel abverlangt. Derart produktiv kann man sich jenseits der Möglichkeit einer Rekonstruktion von alten Stücken mit Tanzgeschichte auseinandersetzen.