Allen Widrigkeiten zum Trotz

Antony Rizzi zeigt "I am open and receptive to new avenues of income" in seiner Wohnung

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rhein-Main 17 Jan 2003German

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Die Gäste nehmen im Wohnzimmer Platz. Doch in Antony Rizzis Wohnung in der Karlsruher Straße 5 werden sie nicht im herkömmlichen Sinn bewirtet. Wer sich mit einem Drink auf die schmalen Bänke oder das rote Sofa gesetzt hat, bekommt eine kleine Show serviert, die man, frei nach Mae West, „The Gospel according to Tony Rizzi“, das Evangelium oder die Wahrheit nach Tony Rizzi nennen könnte.

Mae West, die Hollywood-Diva der dreißiger Jahre, ist Antony Rizzis Alter Ego. Mit einer ondulierten weißen Perücke und im rosé-farbenen Kleid, dessen Reißverschluß jedoch offen ist, so daß die Träger Rizzi ständig von den Schultern rutschen, springt er wie ein Teufelchen aus dem Schlafzimmer herein und begrüßt seine Gäste mit einem koketten „Hallo. Ist das eine Pistole in deiner Hose, oder bist du nur froh mich zu sehen?“ Er mischt bekannte Bonmots von Hollywoods erstem Sexstar mit persönlichen Beobachtungen und biografischen Details, erzählt von seinen Weihnachtsferien in den Vereinigten Staaten, nur um festzustellen, daß Europa immer amerikanischer wird. Über Internet-Sex zu reden ist für ihn ebenso wenig ein Tabu wie über die beiden Operrationen, die er im vergangenen Jahr über sich ergehen lassen mußte.

Während Rizzi im Wohnzimmer mit seinem Kleid kämpft, sich in Pose wirft und dabei sein Publikum um die beringten Finger wickelt, zieht sich im Schlafzimmer Inma Rubio Tomas gerade um. Damit wir auch sehen, was sie da treibt, wird ihr Bild von einer Kamera auf einen Computermonitor im Nachbarrum geworfen. Ab und an hüpft Rizzi alias Mae West zu ihm oder ihr auf die Matratze, um sich kurz zu erfrischen. Anschließend tanzen die beiden im Türrahmen ein wildes Duett. In der zweiten Hälfte weitet sich die Perspektive: der Hausflur wird ebenso bespielt wie die Küche am anderen Ende der Wohnung. Tomas ist in die Rolle des tumben John Bobbit geschlüpft, der einst zu zweifelhafter Berühmtheit gelang, weil ihm seine frustrierte Ehefrau das Geschlechtsteil abschnitt. In einer Persiflage auf Fernsehshows singen und tanzen sich die beiden durch die Peinlichkeiten ihres Lebens, bis es plötzlich anrührend ernst wird. Mit gebrochener Stimme singt Rizzi Joni Mitchells alten Folk-Song über die zwei Seiten des Lebens und der Liebe, „Both Sides Now“. Darin liegt dann auch die Botschaft des Abends: allen Widrigkeiten zum Trotz, an den Dingen des Lebens stets die Positive Seite zu entdecken.

Bei allem Offenen und Informellen, das er Abend ausstrahlt, versteht es Rizzi dennoch, die Form zu wahren. Rizzis Anekdorten sind, wie seine Polaroidfotos, die die Wände der Wohnung zieren, Momentaufnahmen, in denen sich der Zeitgeist verdichtet, kleine Nichtigkeiten, die mit Charme das Leben einfangen. Nacherzählen läßt sich die vergnügliche dreiviertel Stunde eigentlich nicht, ohne ins Banale abzugleiten. Man muß schon ganz nah dran und dabei sein, um sich von Rizzis Energie anstecken zulassen.