Prinzessin Aurora vor dunstiger Gebirgskulisse
Ben van Cauwenbergh choreographiert das Ballett "Dornröschen"
„Romeo und Julia“ und „Schwanensee“ hatte er ebenso schon choreographiert wie „Giselle“ und „Der Nußknacker“. Als Juwel in der Krone der klassischen Handlungsballette fehlte Ben van Cauwenbergh nur noch „Dornröschen“, das seit seiner Uraufführung 1890 für viele Zeitgenossen wie Serge Diaghilew, den Gründer der Ballets Russes, als wegweisend für eine neue Ära des Balletts galt. Das Stück greift bewußt auf das höfische Ballett des 17. und frühen 18. Jahrhunderts zurück und setzt dabei eine feudal-absolutistische Öffentlichkeit in Szene, die Ben van Cauwenberghs klassischem Stil, den er mit dem Ballett des Staatstheaters Wiesbaden pflegt, entgegen kommt. Bill Krog hat die Bühne des großen Hauses leergeräumt. Zwei riesige Bilderrahmen hängen gegeneinander gekippt wie ein Baldachin über der Szene. Ein dritter, in der Größe variabler Rahmen schließt die Bühne nach hinten ab. Darauf sind Videoprojektionen mit Gemälden von Bill Krog zu sehen: romantische Gebirgs- und Wasserlandschaften, die in einen mystischen Dunst gehüllt sind. Für die Schloßpartien greift man auf runde Fensterbögen zurück.
Ben van Cauwenbergh hat dem Märchen von Charles Perrault, das Marius Petipa als Vorlage für das Libretto diente, als Prolog den Beginn des „Dornröschen“-Märchens der Gebrüder Grimm vorangestellt. An dem Fortgang des Balletts ändert dies jedoch nichts. Wenn sich der Vorhang hebt, sehen wir die Königin (Rosa Romero) in einer Badewanne sitzen. Von Schaumkrönchen umweht streckt sie ein Bein aus der Wanne als ihr ein Frosch begegnet und ihr die Geburt einer Tochter verkündet. Kazbek Akhmedyarov als Frosch hüpft und springt und dreht sich um die Wanne und haucht dem Stück gleich zu Beginn Leben ein. Auch sonst hat Ben van Cauwenbergh ein paar Umstellungen vorgenommen. So nimmt die Gute Fee Prinzessin Aurora vor der Feier zu ihrem 16.Geburtstags, an dem sie der Fluch der bösen Fee trifft, mit auf eine Reise um die Welt, wo ihr zwei Liebespaare das Glück versprechen. Den Pas de deux der Blauen Vögel hat Cauwenbergh aus dem dritten Akt kurzerhand nach vorne geholt und die Divertissements am Schluß bei der Hochzeitsfeier des Paares bis auf die vier Kavaliere und die beiden Katzen zusammengestrichen. Von Enrico Delamboye straff geführt, kommt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden mit Tschaikowskis Partitur rasch zum Punkt. Seine temporeiche und in den Tutti-Passagen satte Interpretation läßt keine falschen Sentimentalitäten aufkommen.
Der Gewinn ist ein überaus schlank wirkendes „Dornröschen“. Van Cauwenbergh konzentriert sich ganz auf die repräsentativen Hofszenen, in denen er mit optischem Geschick die einzelnen Gruppen ineinander führt. Dabei vermag er sein sprunggewaltiges Männerensemble und seine eleganten, linienstrengen Frauen gut ins rechte Licht zu rücken. Carolina Vivet ist eine technisch sichere und weiche gute Fee, während Alexander Monachov als böse Fee Carabosse in wehenden schwarzen Gewändern und langsträhnigen gefärbten Haaren geradewegs einem Grufti-Video entstiegen scheint. Was bei aller Rasanz jedoch verloren geht, ist der Ausdruck der Protagonisten. Lars van Cauwenbergh als Prinz Désiré umrundet die Bühne in einer Grande Manège zwar perfekt, doch beim abschließenden großen Pas de deux hat er wenig für seine Prinzessin übrig. Den Blick mehr ins Publikum gerichtet als auf Aurora, bleibt sein Begehren einzig auf das korrekte Stützen der Ballerina gerichtet. Irena Veterovas Aurora hat so wenig Gelegenheit jenseits der technischen Exekution ihrer Schritte Gefühl zu zeigen. Und so fehlt den ewigen Aufmärschen doch ein wenig das Herzstück, das uns auch heute an „Dornröschen“ jenseits der prunkvollen Etikette vergangener Tage noch interessieren könnte.