Vier Grazien im Kleinen Schwarzen

"Tribal Dances": Ein Tanz-Musik-Projekt im Künstlerhaus Mousonturm

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rhein-Main 17 May 2003German

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Contextual note
This was a collaboration between the Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (The dance academy of Frankfurt) and the Hessische Rundfunk.

Die eigentliche Uraufführung fand nach der zweiten Pause statt. Zuvor hatte die Big Band des Hessischen Rundfunks schon eine halbe Stunde lang verschiedene Tanzrhythmen zum Besten gegeben. Studierende des Ausbildungsgangs Zeitgenössischer und Klassischer Tanz der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt hatten anschließend einige ihrer Stücke gezeigt, darunter auch zwei schöne neue Pas de deux in der Choreographie des ehemaligen Forsythe-Tänzers Marc Spradling, der zu Musik von Goran Bregovic höchst komplexe Bewegungsfolgen auf Spitze gefunden hat. „Tribal Dances“ heißt zwar das gesamte Tanz-Musik-Projekt im Frankfurter Mousonturm. Doch die eigentlichen „Tribal Dances“, die schließlich im dritten Teil des Abends zu hören und zu sehen waren, beziehen sich auf die Tanzsuite, die der in New York lebende Ralf Schmid im Auftrag des Hessischen Rundfunk für die hr Big Band komponiert hat.

Auf der Suche nach einem zeitgenössischen Idiom, das Jazz, Klassik und Pop miteinander verbindet, orientiert Schmid die sechs Teile seiner Tanzsuite am Vorbild barocker Tänze, die er mit aktuellen Rhythmen kombiniert. Da zu einer Tanzsuite nun einmal auch der Tanz gehört, nahm der Hessische Rundfunk Kontakt mit der Tanzabteilung der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt auf, deren Studierende mit verschiedenen Choreographen Choreographien für die sechs Teile der Suite erarbeiteten. Das Ganze wurde gefördert mit Mitteln der Hessischen Theaterakademie, jenem Dachverband hessischer Theater, Ausbildungsstätten und Studiengänge für Bühnenberufe, der vergangenen September ins Leben gerufen wurde.

Da das Künstlerhaus Mousonturm zum Verbund gehört, war der Aufführungsort rasch gefunden. Ralf Schmid, der die Uraufführung selbst dirigierte, führt die hr Big Band, die sich im hinteren Teil der nach vorne verlängerten Bühne im Mousonturm drängt, mit kompaktem Tempo zu großer klanglicher Plastizität und Dynamik. Auf den Prinzipien der körperlichen Anspannung und des Haltens, der Verzögerung und Verschleppung sowie dem plötzlichen Loslassen basieren auch viele der Choreographien, die so die Schärfe und Dynamik der Komposition kongenial umsetzen. Die sechs Teile sind abwechslungsreich genug, um einen schönen Spannungsbogen zu schlagen.

Beginnt Alan Barnes in der „Ouverture“ mit ballettartigen Armhaltungen und aufrechten Körpern, teilt Dieter Heitkamp für die „Allemande/Zwiefacher“ seine Gruppe in Duos, in denen die Partner aufeinanderprallen, bevor sie sich alle zusammen einmal in einen rituell anmutenden Kreis begeben. Olga Cobos und Peter Mika lassen die Köper der Tänzer im langsameren „Courante/Tripbop“ immer wieder in sich zusammenfallen. In Marc Spradlings „Bourré/Fonk“ stehen vier Grazien im kleinen Schwarzen in einer Reihe und schauen einem Jungen in Badeshorts beim Ballspielen zu. Doch alle Verführungsversuche nützen nichts: für Andreas Bach, der sich mit schöner selbstvergessener Eleganz bewegt, bleibt der Ball interessanter.

Marco Santi nutzt die große Diagonale der Bühne, um die acht Tänzerinnen und Tänzer hintereinander auf den Boden zu setzen, wo sie sich in Seitenlage drehen, kippen und aufstützen. Wilder geht es bei José Biondis polyrhythmischer „Gigue/Afro“ zu. Mit raumgreifenden ekstatischen Vor- und Zurückbewegungen der Tänzerinnen bringt er „Tribal Dances“ zu einem gelungenen Abschluß.