Verschobene Wahrnehmung

"InExHaustible" im Frankfurter Mousonturm uraufgeführt

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rhein-Main 13 May 2003German

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Leicht dreht er seine Handgelenke und läßt seine Finger dabei locker mitschwingen. Langsam arbeitet sich die Bewegung seine nackten Arme nach oben, wo sie in der Schulter heftiger wird, bis die Hände für das Auge unfaßbar wild hin und her fliegen als gehörten sie nicht mehr zum Rest des Körpers. Thomas Plischke reißt die Schultern im Wechsel vor und zurück. Er steht dabei genau in der Mitte des zweigeteilten Bühneraums und blickt nach hinten an die Wand. Die Zuschauer, die den Tänzer wie bei einer perspektivischen Brechung nur im Profil sehen, haben auf zwei gegenüberliegenden Tribünen Platz genommen, die die Spielfläche in ihrer Mitte in ein langes schmales Band verwandeln. An einem Ende sitzt die Performerin Kattrin Deufert auf einem Stuhl. Auf dem Boden neben ihr stehen goldene Spraydosen und ein Filmprojektor. Am anderen Ende steht der Musiker Yasuo Akai hinter seinem Keyboard. Wie Plischke gehören sie zu der Gruppe Frankfurter Küche (FK), deren neues Stück „InExHaustible“, zu deutsch „unerschöpflich“, nun im Frankfurter Mousonturm uraufgeführt wurde.

Der Körper des Tänzers bewegt sich an diesem Abend zwischen diesen beiden Polen, die man nie gleichzeitig in den Blick bekommt. Aufgespannt zwischen Sprache und Musik, Wort und Klang, wandert er die Mittelachse auf und ab, die er später mit Sand ausstreut. Goldener Staub glitzert im Sand, während Plischke mit seinen weitausholenden Bewegungen auf einem Bein stehend oder auf dem Boden rollend und kippend seine Spuren immer wilder und orientierungsloser darin hinterläßt. Yasuo Akai läßt dazu die Bässe heftig wummern, bis die Stuhlreihen anfangen zu beben.

Das Bewegungsmaterial, das Thomas Plischke für „InExHaustible“ verwendet, basiert zum Teil auf seinem älteren vierteiligen Solo „L’Homme à sortir avec“ aus dem Jahr 1999. Inspiriert von den Zeichnungen, die der Theatervisionär Antonin Artaud während seines Aufenthalts in der Klinik von Rodez anfertigte, stellte Plischke damals Fragen nach dem Verhältnis von Zwang und Freiheit. Artaud wurde in Rodez wegen Schizophrenie behandelt. Das Thema der Spaltung, der Bipolarität, die zu feinen Verschiebungen in der Wahrnehmung der Wirklichkeit bis hin zum Realitätsverlust führt, leitet Plischke und seine beiden Mitstreiter auch in „InExHautible“. So ist bereits der ganze Bühnenraum eine Versuchsanordnung über eine verrückte Zentralperspektive. Kattrin Deufert spricht dazu einen selbst geschrieben Text, in dem es in endlosen Wiederholungen um den Verlust von Identität geht, um Zahlen, Gegenstände und Menschen, die man sich merken will, und die man doch vergißt.

Es gehört zur Arbeitsweise der Frankfurter Küche, ihr Verhältnis zum Publikum mit jeder Produktion neu zu bestimmen. Was auch ihr neues Stück wieder zu einem bestechenden Abend macht, ist die meisterhafte Klarheit der Konstruktion, die eine zauberhafte Poesie und Leichtigkeit freisetzt. Thomas Plischkes Stücke funktionieren wie Gedichte. Die verwendeten Materialen von Farben über Licht und Ton bis hin zu den Worten verweben sich ähnlich wie die Laute der Sprache auf verschiedenen Ebenen zu einer dichten, präzise erarbeiteten Textur.

Der Filmprojektor wirft ein kleines Rechteck mit Deuferts und Plischkes Gesichtern an die Bühnenrückwand. Aber die Kamera hat nur jeweils ein Auge und eine Gesichtshälfte eingefangen, die Deufert schließlich mit Goldfarbe überdeckt. Über den Köpfen der Zuschauer hängen zwei Videoleinwände. Schemenhaft tauchen darauf Tauben auf dem Markusplatz in Venedig auf, die vom Boden aus gefilmt wurden und die manchmal auch rückwärts laufen, daß die Renaissancearchitektur um sie herum ins Wanken gerät. Kattrin Deufert atmet ins Mikrophon, und ihr Laut fliegt durch den Raum als höben die Tauben zum Flug an.

Gegen Ende verschiebt sich die Struktur. Was sich zunächst als Exposition von einzelnen Elementen nacheinander vollzogen hat, wird nun zusammengefügt, und wir erkennen, daß die Bedeutung, die Bewegung für den Zuschauer annimmt, immer vom Umfeld abhängt, in dem sie ausgeführt wird. Kattrin Deufert wiederholt ihre Beschreibung der Schlußszenen aus dem Film „Hannibal“, in der sich der Serienkiller gerade an einem aufgespaltenen Schädel ganz geschmackvoll zu Bachs Goldberg Variationen schadlos hält. Diesmal allerdings wird sie begleitet von der Wiederholung von Plischkes erster Bewegungssequenz, die plötzlich genau zum Text paßt. Was beim ersten Mal noch vollkommen abstrakt wirkte, erhält in der Wiederholung einen konkreten, beinahe pantomimischen Charakter. Das ist überraschend komisch und läßt das Stück auf einer ebenso spielerisch leichten wie hintergründigen Note ausklingen.