Todeskampf mit verbogenen Armen
DAS Kirov-Ballett aus Sankt Petersburg gastiert mit einer Baleltt-Gala im Frankfurter Opernhaus
Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Kaum war im vergangenen Jahr durchgesickert, daß die Stadt daran denkt, den Vertrag mit William Forsythe nicht zu verlängern, um am Main endlich wieder klassische Handlungsballette zeigen zu können, hörte man auch schon davon, das Kirov-Ballett aus Rußland gebe auf Einladung des Ballett Frankfurt ein Gastspiel am Main. Wenn schon, denn schon, wird sich der Frankfurter Ballettchef gedacht haben. Wenn schon staatstragendes klassisches Ballett, dann richtig. Also präsentiert er dem Frankfurter Publikum die Wiege dessen, was heute als klassisches Ballett gilt. Das Kirov Ballett mit der ihm angeschlossenen Ballettschule war seit seiner Gründung 1738 Talentschmiede. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Marius Petipa zunächst als Tänzer von der Pariser Oper ans Mariinsky-Theater nach St. Petersburg kam, hat es sich auch als Motor zeitgenössischer Ballettreformen etabliert, die sich mit Petipas Namen und Choreographien wie „Dornröschen“ oder „Der Nußknacker“ verbinden. Im Vergleich mit dem Moskauer Bolshoi-Ballett hatten die Truppe in der alten Zarenstadt immer die Nase vorn. Fiel die erste Version von Schwanensee 1877 in Moskau prompt durch, gelang dem Ballett 1895 in der neuen Choreographie von Petipa und seinem Assistenten Lew Iwanow ein später Triumph.
Doch das ist lange her. Bei seiner Gala im Frankfuter Opernhaus zeigt sich das Kirov Ballett unter der Leitung von Machar Wasiew ganz und gar traditionsbewußt. Den Auftakt macht „Chopiniana“, eine Folge von Chopin-Walzern, zu denen Michail Fokine 1909 für die erste Saison der Ballets Russes in Paris eine Choreographie lieferte. Damals als erstes abstraktes, handlungsfreies Ballett gefeiert, wirkt das Stück, das im Westen als „Les Sylphides“ bekannt ist, aus heutiger Sicht eher wie eine souveräne Bestandsaufnahme des Alten als ein Aufbruch zu neuen Ufern. Sechzehn Tänzerinnen im Corps und vier Solisten üben sich in geometrischen Figuren, Linien, Kreisen und Dreiecke, die sich den Raum absolut achsensymmetrisch aufteilen. Die Strenge der Geometrie, die den Tänzerkörper gliedert und nach mathematischen Prinzipein zerlegt, um ihn als Ideal einer Idee wieder aufzubauen, verbindet sich hier mit einem absolut weichen, lyrischen Ausdruck der Tänzerinnen, der auf Formen des romantischen Balletts zurückgreift.
Der zweite Teil besteht aus einer Reihe von Pas de deuxs, in denen die Solisten des Ensembles ihre Stärken unter Beweis stellen können. Jelena Scheschina und Andrej Iwanow, der wunderbar pirouettiert, funkeln in ihren komischen Rollen aus „Arlekinada“. Die großgewachsenen Irma Nioradse und Faruch Rusimatow, der mit prononciert weiten Sprüngen die Bühne umrundet, geben sich verrucht in „Le Corsaire“. Elwira Tarassowa und der federleichte Leonid Sarafanow heben sich durch „Don Quixote“, wobei die Musik vom Band ganz kräftig scheppert. Lupenrein wird auch beim Kirov Balett nicht getanzt. Da verrutschen den Damen schon mal ein paar ihrer peitschenden Fouettés, die in ihrer schieren Menge beeindrucken, und die Partnerarbeit ist gerade beim letzten und jüngsten Paar doch noch ein wenig unsicher. Die biegsame Schanna Ajupowa läßt sich von Andrian Fedejew in George Balanchines entschlacktem „Tschaikowski Pas de deux“ feiern. Den vielleicht modernsten Ausdruck gelingt Daria Pavlenko in ihrer Rolle als „Der sterbende Schwan“. Zur Musik von Camille Saint-Saëns zeigt sie vier Minuten Todeskampf mit grotesk verbogenen Armen, die der Schönheit der Szene einem realistischen Unterton geben. Im „Paquita Grand Pas“, einen Pas de deux mit vier eingeschobenen Solo Variationen und Gruppenteil, der den dritten Teil des Abends ausmacht, brilliert vor allem Igor Zelenski neben seiner Partnerin Sofia Gumerowa mit einer rückwärtsgesprungen Manège. Als Folie für die Arbeit, die William Forsythe am Ballettkörper und seiner Ideologie seit zwanzig Jahren leistet, ist die Gala allemal interessant. Und wer ein wenig im Glanz vergangener Tage mit ihren untergegangenen feudalen und absolutistischen Gesellschaftsordnungen schwelgen möchte, ist beim Kirov-Ballett bestimmt richtig.