André Gingras zeigt ‘Cyp 17 ReCombining’ im Mousonturm

Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rhein-Main 15 Nov 2001German

item doc

Alert, agil und ein bißchen autistisch springt der Tänzer Manuel Ronda durch den weiß ausgekleideten Kasten auf der Studiobühne des Mousonturms. Ein Metallstuhl bietet ihm Zuflucht, während auf der Rückwand allerlei Zellformationen wabern und mathematische Kurven gefährlich pulsieren. Zwei mal öffnet sich die Tür zu diesem Genlabor. Eine Gestalt in einem weißen Schutzanzug wirft dem Versuchskaninchen zuerst einen Knochen, dann die Teile einer Stoffpuppe vor die Füße. Mit dem Knochen fährt er sich die Haut ab, schlägt sich damit auf den Bauch oder steckt ihn sich ins Ohr. Die Puppe setzt er nach ein paar Fehlversuchen richtig zusammen, wirft sie auf den Boden und bespringt sie.

Dem kanadischen Choreographen André Gingras ist das bloße Finden von Schritten zu wenig. Tanz soll sich einklinken in aktuelle Probleme und Fragestellungen, um mehr zu sein, als zeitlos schöne Kunst. So macht sich Gingras in seinem Stück „Cyp 17 ReCombining“, das im Rahmen des Festivals „Springdance/Dialogue“ im Mousonturm zu sehen war, Gedanken über den genmanipulierten Menschen von morgen, dessen Degenerierung er uns vor Augen führt. Manuel Ronda, nur mit einer kurzen weißen Trikothose bekleidet, zeigt uns einen überartikulierten Körper, bei dem jeder Muskel prononciert hervortritt. Sein Körper wird von plötzlichen Energiestößen durchlaufen, die stets nur lokal auftreten und kleine und kleinteilige Bewegungen hervorrufen. Hart gegeneinander geschnitten, die Beine verdreht, die Arme gespreizt, entsteht der Eindrucke einer unkontrollierten Hypernervosität. Rondas Körper will ständig etwas sagen, doch unter der Last der Informationsüberfülle bricht er immer wieder zusammen. Mit dem Finger tippt er auf den Stuhl, legt sich die Hand zur Denkerpose ans Kinn, springt auf und rennt in weiten Schritten durch den weiß ausgekleideten Raum. Er versucht sich nach einem Sturz aufzurichten und einzureihen in die Phalanx von Körpern, die auf der Videoleinwand hinter ihm vorbei marschieren. Doch so richtig will ihm das nicht gelingen. Ständig sinkt er wieder in sich zusammen.

„Cyp 17 ReCombining“, dem das Streßgen Cyp 17 den Titel gab, bricht unter dem Streß, den es sich selber macht, zusammen. Belastet mit hausbackenen pantomimischen Elementen und einer allzu verspielten, fast niedlichen Musik kommt das Stück über die bloße Illustration des Themas kaum hinaus.