Heimkehr in die Fremde
Hans Tuerlings’Ensemble RAZ mit ‘De Reis 4 ca va pas...’ zu Gast im Mousonturm
Hans Tuerlings liebt Fortsetzungsgeschichten. Zuletzt hat uns der niederländische Choreograph in die parfümierte Welt des italienischen Dekadenzdichters Gabriele D'Annunzios entführt. Jedem der sechzehn Zimmer in D'Annunzios Haus am Gardasee will Tuerlings, der mit seinem Ensemble RAZ seit 1990 in Tilburg ansässig ist, ein Stück widmen. Mit dem Badezimmer des "casa del sogno" machte er im letzten Jahr den Anfang. Doch schon vorher hatte er, inspiriert von dem Kriegsroman des französischen Schriftstellers Céline "Reise ans Ende der Nacht", einen Vierteiler vorgelegt, dessen letzter Teil "De Reis 4 ca va pas..." noch heute Abend im Frankfurter Mousonturm zu sehen ist.
Man muß weder den Roman noch die anderen drei Teile kennen, um das Stück verstehen und genießen zu können. Szenen und Figuren sind ganz Tanz geworden, sind aufgegangen in einer absoluten Choreographie, die ihre zahlreichen Referenzpunkte wie selbstverständlich in ihren Rahmen aufgenommen und in dem Maße nach außen verschlossen hat, wie sie sie in ihrem Inneren durch Wiederholung strukturiert. Einziger möglicher Anhaltspunkt ist Célines Hauptfigur Bardamu, der, aus Afrika und Amerika zurückgekehrt, in einem Pariser Vorort nur schwer Fuß fassen kann. Inmitten von zwei schwarzgekleideten Frauen und zwei Männern in eleganten schwarzen Anzügen und weißem Hemd bewegt sich ein nackter Tänzer (Linhares Junior), ungeschützt, verletzlich und dürr, dem die Erfahrung des Reisens auf den Leib geschrieben scheint. Mit gebeugten Knien, vorgebeugtem Oberkörper, leicht nach vorn gedrehter linker Schulter und hängenden Armen geht er von links nach rechts über die Bühne als gehörte er eher der Tierwelt an als der Welt der Menschen.
Im schwarz-weiß Kontrast der Figuren erscheint der nackte Tänzer als Positiv zu all ihren Negativen, eine Figur, die, gleichsam überbelichtet und mit Röntgenstrahlen durchleuchtet, die Vergänglichkeit und Endlichkeit des Körpers, sein Unbehaustsein und Ausgesetztsein hinter der Maske der mondänen Welt sichtbar macht. Die leere Bühne, die in der Mitte von einer kleinen Schwelle unterteilt wird, ist umflort von üppigem grünen Stoff. Ganze Lichtbatterien von oben und die erotisiert-ruppige Stimme von Serge Gainsbourg aus dem Lautprechern erzeugen eine aufgeheizte Atmosphäre, die kühl konterkariert wird durch das transparente Piano von Jeroen van Vliet und der funktionalen Haltung, die die Tänzer zu ihren Bewegungen einnehmen.
Ihr Tanz ist wie ihre Kleidung: von nachlässiger Eleganz, nonchalant und klar. Hans Tuerlings präsentiert Bruchstücke aus den unterschiedlichsten Tanzstilen und läßt sie sanft implodieren. Immer wieder spreizt sich ein Tänzer oder eine Tänzerin zur Arabeske, werden kleine Sprünge und leichte Drehungen vorgeführt, kleine Schrittkombinationen folgen und werden durch einfaches Auf- und Abgehen unterbrochen. Tuerlings Vokabular gleicht einem Bildgedächtnis, das von Michelangelos Piet… bis hin zu Nijinskys Posen in "Nachmittag eines Fauns" reicht.
Kleinere Spannungsbögen ergeben sich aus der Konkurrenz der Männer (Jan Zobel, Eelco Roovers), die sich anrempeln, und dem herablassend souveränen Blick der Frauen (Jos‚ Way, Gabi Sund). Der nackte Tänzer springt zwischen ihren Beinen herum als sei er unsichtbar und gehörte einer anderen Sphäre an. Das alles bleibt jedoch verhalten, so daß sich über die Dauer von einer Stunde hinweg eine ebenso entspannte wie gleichgültige Stimmung einstellt. Die Tendenz, alles zu nivellieren, gereicht dem Abend nicht immer zum Vorteil. Doch es ist immerhin der Stoff, aus dem die Fortsetzungsgeschichten sind. Denn im Gegensatz zu seinem nackten Tänzer, der sich am Schluß zum Sterben auf den Boden legt, können Hans Tuerlings abgeschliffene Bewegungsformen am Ende des Jahrhunderts ein zwingendes Ende nicht finden.